Walzenlager Doku
"Seestück"

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Regie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Volker Koepp
Kamera . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Uwe Mann
Montage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Christoph Krüger
Musik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Ulrike Haage
Buch . Barbara Frankenstein........Volker Koepp

Deutschland 2018, 135 Minuten
mehrsprachige OF (Deutsch, Schwedisch, Dänisch, Estnisch, Lettisch, Russisch, Polnisch) teilw. mit deutschen UT

Die Ostsee in ihren jahreszeitlichen Stimmungen, das helle
Licht und die Luftspiegelungen, die Wolken am hohen Himmel,
die Vögel im Sturm über den Wellen. Vor der magischen
Naturkulisse begegnen wir Menschen, die an den
Rändern der Ostseeländer leben: auf der Insel Usedom und
an den polnischen Stränden, an den baltischen Küsten und
den nördlichen Schären in Schweden. Fischer und Wissenschaftler,
Seeleute und junge Menschen erzählen von ihrem
Leben im Einklang mit der alle verbindenden Meereslandschaft,
von ihrer Arbeit, ihren Erinnerungen und Hoffnungen.
Sie entwerfen aber auch das Bild eines Alltags, in dem
ö kologische Probleme, politische Ost-West-Konflikte und
nationale Egoismen allgegenwärtig sind.

Mit SEESTÜCK schließt Volker Koepp einen filmischen Zyklus
ab, den er mit „Berlin-Stettin“ (2010) begann. In diesem
Film mischte der Regisseur in seine Beschreibung ostdeutscher
Film- und Lebensräume erstmals auch autobiografische
Bezüge. „In Sarmatien“ (2013) erweiterte den Blick auf
die Region östlich der Weichsel und zwischen dem Schwarzen
Meer und der Ostsee. Mit „Landstück“ (2016) kehrte
Koepp in die Uckermark nördlich Berlins zurück. SEESTÜCK
– ein Film über die Ostsee, über das Leben am Meer und mit
dem Meer – schließt den Reigen nun ab. Wie in den Filmen
zuvor spiegeln sich hier die Bögen der Historie in den privaten
Lebensläufen der Gegenwart. Auch für die kleine Ostsee
gilt: Landschaftsbild ist Weltbild.

Filmemacher über seinen Film:
Wenn ich an Seestücke denke, dann denke ich zuerst an die großen filmischen Bilder, die ich mit oder ohne Kamera an der Ostsee erlebt habe. Natürlich sind es auch die Darstellungen in der Malerei, die immer wieder in Gedanken aufscheinen; schließlich ist der Begriff „Seestück“ ein fester Terminus in der Bildenden Kunst, gebräuchlicher noch als „Landstück“.
Die Motive: die hohen Himmel über dem Meer und ihre Wolkenbildungen.
Wellen und Stürme. Überhaupt: der Wind und die Elementarkräfte. Buchenwälder, die bis an die Strände reichen.
Steilküsten und Wanderdünen. Die großen Ströme, die sich übers Haff ins Meer ergießen. Das winterliche Erstarren des Wassers an den Küsten, die bizarren Eisbildungen, Platten, die sich wie gefrorene Wellen übereinander schieben.
Dies ist allerdings aufgrund der Klimaerwärmung nicht mehr oft zu erleben.
II Wie bei „Landstück“ hat auch der filmische Ansatz für SEESTÜCK
autobiografische Züge. Die Ostsee, das kleine Meer, wurde neben den Hügeln Nordbrandenburgs und Vorpommerns zu meinem Sehnsuchtsort. Ich weiß nicht, wo ich das erste Mal ein Seestück sah. Im pommerschen Stettin, meinem Geburtsort, sicher nicht: Swinemünde war gerade zerbombt,
das Foto am Strand, an dem meine Schwestern zu sehen sind, entstand vor meiner Geburt.
Wenige Jahre danach, im vorpommerschen Greifswald angekommen, habe ich erste Erinnerungen an den Bodden bei Eldena. Später, in den Fünfzigern, wird es konkreter. Die aufgeregte Stimmung am Berliner Ostbahnhof, von wo wir in die Sommerfrische nach Prerow aufbrachen. Die Wanderungen
durch den Urwald zum Strand, die starke Brandung bei Westwind, die Windflüchte … Dann kamen die Touren mit der Schulklasse zur Ostsee.
Ab 1961 waren die vorpommerschen Küsten besonders stark bewachtes Grenzgebiet; Scheinwerfer und Soldaten scheuchten uns aus unseren Nachtlagern vom Strand. Als 1989 die Mauer fiel, drehte ich gerade mit Fischern auf Usedom.
Bald darauf war auch der Weg zur Kurischen Nehrung frei, und wir drehten unsere ersten Filme im früheren Ostpreußen, an den russischen und litauischen Küsten der Ostsee.

Der geografische Raum der Ostsee hat eine lange Geschichte aus Kriegen, Teilungen, Vertreibungen und Flüchtlingsströmen. Mich interessieren die Geschichte der Deutschen und ihrer östlichen und nördlichen Nachbarn. Die
Hoffnungen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Und die neuen Spannungen der letzten Zeit: Großmanöver der Nato an den baltischen Küsten und russische Scheinangriffe.
Zur Gegenwart gehören auch die starken ökologischen Probleme des Binnenmeeres Ostsee. Schon vor Jahren erzählten mir Fischer von Phosphor-Resten aus Weltkriegs-Munition in ihren Fischernetzen, mit denen sie sich die Hände verbrannten.
Heute leidet die empfindliche Ostsee an den negativen Folgen des Klimawandels. Durch die Erwärmung des Meerwassers bilden sich Blaualgenteppiche und Todeszonen immer weiter aus. Die allgemeine Verschmutzung der Meere,
etwa durch Plastikmüll und Rückstände aus der Landwirtschaft,
sind ein großes Problem. Die Meerregionen unseres Seestücks sind das traditionelle Arbeitsgebiet der Fischer. Ihr Alltag hat sich durch den Rückgang
der Fischbestände und die Regulierung durch EU- Normen und Fangquoten drastisch verändert. Der Verdienst ist so gering, dass viele ihren Beruf aufgeben müssen. Wie in der Landwirtschaft findet auch hier die Verdrängung durch hochtechnisierte, industrialisierte Unternehmen statt.

Wie immer waren die Dreharbeiten für mich eine Entdeckungsreise.
Der Reiseschriftsteller Willibald Alexis hat vor bald 200 Jahren notiert, dass der Wandernde, der vor seiner Reise schon alles weiß, unterwegs nichts mehr sieht und auch keine wirklichen Erlebnisse hat.
Für SEESTÜCK bezieht sich das auch auf die für diesen Film so wichtigen Bilder und Stimmungen aus der Natur.
Ohne direkt darauf zu sprechen zu kommen, soll man spüren können, warum die Ostsee eine so große Anziehungskraft für Maler und Literaten hatte und warum sie sich so besonders für die Bildung von Mythen eignete.